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Fussball in Rumänien: Sibiu 2006




Auf der Suche nach einem Spiel


Wir waren im Urlaub in Rumänien, es ging aufs Wochenende zu und wir beschlossen, uns nach einem Fussballevent in der Stadt Sibiu/Hermannstadt (150 000 Einwohner) zu erkundigen. Nach einer halbstündigen Internetrecherche hatten wir nicht viel herausgefunden: Nur dass es zwei Mannschaften in der C-Liga (die dritte von fünf Ligen) gibt und am Wochenende die Saison beginnen sollte. Der etwas bekanntere Verein, FC Sibiu, musste mit einem Auswärtsspiel beginnen und CS Atletic Sibiu sollte zu Hause auf Maris Targu Mures treffen. Name des Stadions und Spielbeginn konnten im Netz nicht ermittelt werden. Auf dem Stadtplan fanden wir vier Stadien: Municipal (FC Sibiu), Soimii, Vointa und ein namenloses.
Wir beschlossen, mit dem Bus in die Stadt zu fahren, wurden aber an der fahrplanlosen Haltestelle von einem selbsternannten Taxifahrer mit rotem Hamburger Kennzeichen zu einer mehr als halsbrecherischen Fahrt überredet. Als Ziel nannten wir das Stadion von Atletic. Gefahren wurden wir zum falschen Municipal-Stadion. Froh darüber, endlich den Wagen verlassen zu dürfen, stiegen wir aus und erkundeten das Terrain. Verschlossene Tore und Totenruhe deuteten an, dass dort kein Spiel stattfinden würde.
Wir fragten einen Vater mit fahrradübendem Kind und er wies uns die Richtung zum 2 Kilometer entfernten Vointa-Stadion. Wir machten uns in der Hitze auf den Weg. Als wir irgendwann Schreie und eine Trillerpfeife hörten, wurden unsere Schritte immer schneller. Wir rannten und konnten bald die heruntergekommene Tribüne und Stadionmauer erkennen. Wir traten durch das Tor und erblickten ein von Krähen besetztes Spielfeld ohne Spielfeldmarkierungen. Die Schreie und das Pfeifen waren noch zu hören. Ein Junge mit einer Wasserflasche in der Hand ging vorbei und wir fragten, ob es noch ein Spielfeld gäbe. Er bejahte und wir folgtem dem verängstigten Jungen schnellen Schrittes und voller Erwartung. Die Trillerpfeife wurde immer lauter. Wir traten um eine Ecke und erblickten einen Bolzplatz mit ein paar kickenden Kindern. Und hinter dem Bolzplatz eine Strassenkreuzung mit einem Verkehrspolizisten mit Trillerpfeife ...
Wir kehrten zum Krähenstadion zurück. Neben der Tribüne hing frisch gewaschene Wäsche, eine Hundehütte und Blumenbeete gab es auch. Auf einem Stuhl sass ein zahnloser Mann, der sich als Besuch vom Land ausgab und gar nichts über das Stadion und schon gar nichts über die Mannschaft wusste. Aus den Innereien der Tribüne holte er eine Frau in Kittelschürze herbei, die augenscheinlich dort zu wohnen schien. Sie wusste nur, dass ab und zu Spiele sind und manchmal bis zu 100 Besucher kommen.
Wir wagten noch einen Versuch und wanderten zu dem sehr ansehnlichen Municipal-Stadion zurück. Vor dem Stadion war gerade ein sportlich gekleideter Mann dabei, ein paar Jugendliche zusammenzuscheissen. Er erwies sich als Boxtrainer des FC Sibiu und holte für uns den Platzwart des Stadions. Dieser war der erste Fussballkenner auf unserer Odysee. Er schloss das Stadion für uns auf, wir durften fotografieren und er beantwortete unsere Fragen. Er berichtete uns von der Misere des FC Sibiu, die anstatt in die A-Liga aufzusteigen in die C-Liga abgesackt seien. Das Stadion sei von der Ausstattung her voll A-Liga-tauglich. Besonders stolz war der Platzwart auf die gelben Sitzschalen, die aus Nürnberg ihren Weg nach Sibiu gefunden hatten. Er wies uns auf ein Pokalspiel des FC Sibiu II am folgenden Dienstag hin. Und er wusste von dem Ligaspiel Atletic Sibiu gegen Maris Targu Mures und wies uns den Weg zum Stadion neben dem "Obor" (Viehmarkt): Es war das namenlose auf dem Stadtplan. Wir nahmen ein Taxi und der sehr gesprächige Fahrer brachte uns zum richtigen Stadion, obwohl er von der Mannschaft "Atletic" noch nie etwas gehört hatte. Wir kamen pünktlich zum Spiel. Über dem Eingang der Name des Stadions: Indepedenta!



Endlich ein Spiel!


Der Eintritt war frei und wir folgten Rentnern mit Zeitungen unter dem Arm, Vätern mit Kindern und Jugendlichen mit Trikots aus aller Welt ins Stadion. Es gibt nur eine Tribüne, der Rest des Spielfeldes wird durch einen Zaun von den umliegenden Maisfeldern und einer Kuhweide getrennt. Am Horizont erstrecken sich malerisch die Karpaten und davor Vororte von Sibiu. Nach alter Gewohnheit suchen wir unseren Platz rechts von der Mittelinie. Auf Höhe der Mittellinie bilden etwa 20 Plastikgartenstühle die Ehrentribüne. Hinter der Tribüne warten ein paar Polizisten auf ihren Einsatz.
Nirgendwo gibt es etwas zu kaufen: Weder Essen, noch Trinken, noch Devotionalien. Aus den mitgebrachten Tüten werden von den anderen, eingeweihten Besuchern Vesperbrote, 2-Liter-Plastikbierflaschen und die üblichen gesalzenen Kürbis- und Sonnenblumenkerne ausgepackt. Wir haben natürlich nichts dabei. Zum Glück läuft irgendann eine Frau durch die Reihen, die aus einer Plastiktüte heraus Kürbiskerne verkauft.
Inzwischen ist die Tribüne, die für ca. 1500 Personen ausgelegt sein dürfte, mit 500 Besuchern gut gefüllt. Der Spielbeginn verzögert sich und das Publikum beginnt zu murren. Die Mannschaften laufen auf: Atletic Sibiu in gelb/blau und Maris Tg. Mures in rot. Überrascht stellten wir fest, dass der Atletic-Torwart das Trikot des HSV-Spielers mit der Nummer 29, Wächter, inklusive HSV-Abzeichen trägt. Die Heimmannschaft wird von "Prima", einer lokalen Fahrschule gesponsort. Auf dem Rücken der Gäste prangt das Logo einer Brauerei: "Neumarkt".
In der 2ten Minute fällt das erste Tor für Atletic. Der Fanclub, bestehend aus drei Rentnern mit einem Megaphon und einer blau-weissen Fahne ist ausser sich und skandiert "Ole ole Sibiu victorie!" und "Hai Sibiu!". Das Spiel geht munter weiter und die Gäste haben nach einer roten Karte in der 12ten Minute keine Chance mehr. 27te Minute Ecke und Tor für Atletic. Jetzt fühlen sich auch die Kinder an der Anzeigentafel genötigt, 2:0 anzuzeigen. 44te Minute 3:0 und auf dem Nebenplatz landet ein Storch. In der Pause werden von einigen Gästen Brote geschmiert und wir suchen die Toilette auf. Rechts neben der Tribüne, auf halber Höhe, entdecken wir noch eine Kuriosität: An einem Tisch sitzen eine Frau mit einer Schnapsflasche und ein Mann mit einer Schüssel Sonnenblumenkerne. Spielbeobachter? Sponsoren der Gastmannschaft ohne Vertrauen in ihr Produkt?
Das Spiel geht weiter und in der 57te Minute das 4:0, in der 77te Minute das 5:0. 88te Minute Ehrentreffer für die Werbeträger des Neumarkt-Bieres. 5:1 Endstand, aber die Anzeigentafel zeigt gnadenlos 5:0 an. Als bester Spieler ist uns die Nummer 11 von Atletic, Popa aufgefallen, der in diesem Spiel 3 der 5 Tore gemacht hat.


Noch ein Fussballspiel


Am Vorabend unserer Rückreise begaben wir uns ins Municipal-Stadion zum Pokalspiel zwischen FC Sibiu II (Liga D) und Sparta Medias (Liga C). Diesmal ausgestattet mit Getränken und Kürbiskernen. Die Haupttribüne fasst 5000 Plätze und auf den anderen Tribünen wären noch rund 10000 Plätze (die Sitzschalen sind nocht nicht alle montiert). Das Stadion wird von einer riesigen digitalen Anzeigentafel überragt, die wie bei unserem Heimatverein SSV Reutlingen nicht in Betrieb ist. Die mechanische, kleinere Anzeigentafel wird, wie bei Atletic auch, von Kindern bedient. Hinter dem linken Tor parkieren ein antiquiertes Feuerwehrauto und eine beeindruckende riesige Rasenwalze. Alle ca. 300 Besucher suchen sich auf der riesigen Haupttribüne ihren Platz. Die zwangsabgestiegene zweite Mannschaft des FC Sibiu trifft auf ihren alten Ligakonkurrenten aus der C-Liga. Nach dem Abstieg von FC Sibiu musste FC Sibiu II auch absteigen. Der FC spielt in rot/blau, die Gäste aus Medias in schwarz/weiss. Die zwei Sanitäter an der Trage sind augenscheinlich die minderjährigen Söhne des Platzwarts. Wir sind froh, dass es im Laufe der Partie zu keinen ernsthaften Verletzungen kam und somit die armen Kinder niemanden vom Platz schleppen mussten.
Auch in diesem Stadion kein Eintritt, es gibt weder Getränke, noch Essen, von Fanartikel keine Spur. Im übrigen wurden wir in der Stadt auf Nachfrage nach Fanartikeln von lokalen Fussballclubs ausgelacht. Einmal wurden uns als Ersatz Trikots von Chelsea und Bayern München angeboten!?!
Die Parie beginnt pünktlich, nachdem der Schiedsrichter gewissenhaft die Tornetze überprüft hat. In der 15ten Minute fällt das erste Tor für die Gäste. 37te Minute Ausgleich durch den FC. In der 43ten Minute gibt es für die Nummer 17 der Gäste nach wiederholtem Foulspiel die rote Karte. In der Halbzeit werden trotz friedlichster Stimmung die Schiedsrichter von bewaffneten Polizisten vom Spielfeld eskortiert. In der Pause taucht auch wieder unsere Kürbiskernverkäuferin aus dem Atletic-Stadion auf. 65te Minute 2:1 für Sibiu, 75te Minute 2:2, 80te Minute 3:2 für Medias, 90te 4:2. Sieg in Unterzahl für Sparta Medias!

Michaela, Olli, Karin & Schneller

Datei als pdf   Bericht in "Reutlinger Fussballmagazin", 01/2007

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