

Urlaub in Rumänien: Ramnicu Valcea
CSM Ramnicu Valcea - ACS Fortuna Covaci 6:1
22.08.2009, 11:00, 2. Liga, Serie 2 / Rumänien
Endlich hatten wir es geschafft, ein Spiel der 2. rumänischen Liga zu besuchen. Das Stadion befindet sich neben dem gleichnamigen Park "Zavoi". Das Spiel beginnt am
Samstag, morgens um 11 Uhr, und es sind bereits über 30 Grad Celsius. Nachdem wir die etwa ballgrossen Löcher in der Stadionmauer als Kartenverkauf identifiziert haben,
konnten wir Tickets für die Gegengerade für umgerechnet 2,50 Euro erstehen. Dazu bekamen wir auch ein Programm in Hochglanzdruck, inklusive
Mannschaftsposter. Beim Einlass mussten wir unser Feuerzeug abgeben, da vor kurzem in der ersten Liga ein Schiedsrichter von einem geworfenen Feuerzeug verletzt
wurde.
Die Sonne brennt erbarmungslos und es gibt keinerlei Verkauf von Getränken, Speisen oder gar Fan-Devotionalien. Zum Glück taucht ein fliegender
Zeitungshändler auf und wir und andere schlecht vorbereitete Besucher können uns Kopfbedeckungen aus den Zeitungen basteln.
Die Heimmannschaft Clubul Sportiv Municipal (CSM) Rm. Valcea wurde 2004 aus dem alten Traditionsverein "Chimia" ausgegründet und von der Stadt
übernommen. Chimia Rm. Valcea hatte seine "grosse" Zeit in den Siebzigern und spielte für eine Saison (1974/75) sogar in der 1. Liga. Der heutige Werksverein
der Chemischen Fabrik "Oltchim Ramnicu Valcea" spielt übrigens in der 3. Liga.
Obwohl die in weiss-blau antretende Mannschaft vor drei Tagen vom Trainer verlassen wurde und ihr Top-Torjäger verletzt ist, gilt sie als Favorit. Die Gäste
werden in der Lokalpresse als exotische Erscheinung angekündigt, da es sich bei Covaci um ein Dorf mit etwa 700 Einwohnern handelt. Ramnicu Valcea hat etwa
110.000 Einwohner.
Der Aufsteiger Covaci tritt in blau-gelb an. Der Zuname "Fortuna" rührt von der Begeisterung zweier ehemaliger Spieler von Covaci für Fortuna Düsseldorf
her. Während bei CSM nur Einheimische spielen, tritt Fortuna Covaci sogar mit zwei farbigen Spielern an. Auch sonst scheint alles darauf hinzuweisen, dass der Verein
potente Sponsoren hat, da die Mannschaft bereits am Vortag aus dem etwa 250 km entfernten Covaci angereist ist. Wir hatten die Mannschaft am Vorabend beim Essen in
einem Hotel gesichtet. Allerdings sollte der von uns im Spass geschmiedete Plan, die Spieler zum Zwecke eines Leistungsverlustes betrunken zu machen, als nicht notwendig
erweisen.
Valcea dominiert das Spiel von Beginn an. Das Publikum ist sehr laut, wobei sich die meisten Zwischenrufe auf die dörfliche Herkunft der Gäste beziehen. Ein
Mann mit Trommel und Becken sorgt auf der Tribüne für die nötige Stimmung der etwa 1000 Besucher des ersten Heimspiels der Saison. Frauen sind in
der absoluten Minderzahl, was die Rückgabe des Feuerzeuges nach dem Spiel erheblich erleichterte.
Die zwei Wasserspender im Block werden ebenso stark aufgesucht, wie die paar alten Männer, die die Funktionalität von Zündhölzern modernen
Feuerzeugen vorziehen.
In der ersten Halbzeit fallen drei Tore für die Gastgeber, obwohl der Schiedsrichter permanent Abseits pfeift. Das Publikum ist aufgebracht und beschimpft die
Schiedsrichter wüst. Auch nach dem dritten Tor sind einige mit der Leistung der eigenen Mannschaft unzufrieden, was uns stark an unser heimisches Publikum im
Kreuzeichestadion erinnert.
In der Pause werden endlich die etwa 30 halbnackten Ultra-Fans der Heimmannschaft eingelassen. Ein selbstgemaltes Transparent wird ihnen abgenommen und sie lassen
sich am Rande der Tribüne grölend nieder.
In der zweiten Spielhälfte fallen weitere 3 Tore für Valcea, bevor in der 75 Minute Fortuna Covaci den Ehrentreffer zum 6:1 markieren kann. Eigene Fans hat das
Team, das als Aufsteiger seine erste Saison in der 2. Liga spielt, nicht mitziehen können. Jetzt kocht auch die Seele des sympathischen, dicklichen Familienvaters, der
neben uns mit seiner kleinen Tochter sitzt, über: drei nicht gegebene Tore! Dafür ein Tor, das tatsächlich Abseits war, aber gegeben wurde! Und er
lässt sich zu Beleidigungen gegenüber den Schiedsrichtern hinreissen: "bou dracului!" (etwa: Ochse des Teufels) schallt uns noch immer in den Ohren.
Während die siegreiche Heimmannschaft ungefeiert unter der Tribüne verschwindet, werden die Ultrafans von freundlichen Stadionbediensteten mittels eines
Wasserschlauches gekühlt. Wir schleppen uns mit ausgedörrten Kehlen zu einem kleinen Biergarten im Park nebenan und laben uns, wie auch viele andere Fans
an "Mititei" (rumänische Cevapcici) und Bier.
Karin & Schneller
Datei als pdf
Bericht in "11 Freunde", Dezember 2009
Zurück!